My KISS for you
- Scham lässt dich oft an einer Entscheidung festhalten, die längst nicht mehr passt, nur damit sie nach außen gut aussieht.
- Dahinter steckt meist die Angst vor dem Urteil anderer, nicht die Entscheidung selbst.
- Wer Scham überwinden will, trennt die Sachfrage von der Frage, was andere denken, und korrigiert dann schneller.
Ich habe lange gebraucht, um eine ziemlich banale Entscheidung zu treffen: welchen Nachnamen ich nach meiner Scheidung trage. Was ich dabei über Scham gelernt habe, gilt für jede Entscheidung, die ich aus Angst vor fremden Urteilen vor mir herschiebe.
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Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade #Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag von Susanne Wagner.
Ein Kästchen auf dem Scheidungsformular
Ich saß da mit den Scheidungspapieren vor mir, und starrte auf ein einziges Feld: Name nach der Scheidung.
Behalte ich den Namen meines Ex-Mannes, oder nehme ich meinen Geburtsnamen zurück?
An der Wand hängt meine Diplomurkunde, mit genau dem Namen, den ich jetzt wieder ablegen könnte.
Ich rechne im Kopf durch, was das für meine nächste Bewerbung bedeutet.
Die ist zwar erst in 9 Jahren dran, aber ich denke trotzdem darüber nach.
Ein anderer Name als auf dem Zeugnis, und ich muss erklären, warum.
Dass es mit meiner Ehe nicht geklappt hat.
Dass ich gescheitert bin, wie ich es damals empfunden habe.
Gleichzeitig ist das Geld so eng kalkuliert, dass ich jede zusätzliche Ausgabe zweimal umdrehe, bevor das Haus überhaupt gesichert ist.
Zwei Sorgen auf einmal: die eine ums Geld, die andere darum, wie die ganze Situation nach außen aussieht.
Beide fühlen sich gleich schwer an.
Scham überwinden beginnt für mich genau an diesem Punkt.
Warum schämen wir uns, wenn eine Entscheidung nicht aufgegangen ist?
Scham unterscheidet sich von Schuld in einem entscheidenden Punkt: Schuld sagt „ich habe etwas falsch gemacht“, Scham sagt „mit mir stimmt etwas nicht“ (Tangney & Dearing, 2002).
Bei Schuld lässt sich das Verhalten korrigieren.
Bei Scham fühlt es sich an, als müsste die ganze Person sich verstecken.
Im Berufsalltag kommt ein zweiter Mechanismus dazu.
Sobald wir befürchten, dass andere uns negativ bewerten, reagiert der Körper mit einer echten Stressreaktion, ganz ähnlich wie bei einer realen Bedrohung (Dickerson & Kemeny, 2004).
Der Gedanke „was denken die anderen über mich“ ist für das Nervensystem kein abstraktes Gedankenspiel.
Er fühlt sich real an.
Genau das habe ich am Küchentisch erlebt.
Am meisten beschäftigt hat mich die Vorstellung, wie die Entscheidung bei ehemaligen Kolleg:innen und in der Familie ankommt.
Welches Bedürfnis steckt hinter der Scham?
Hinter Scham steckt fast immer ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und ein intakter Selbstwert.
Solange eine Entscheidung nach außen gut aussieht, bleibt beides ungefährdet.
Sobald sie nach einem Scheitern aussieht, geraten beide gleichzeitig unter Druck.
Gerade für Führungskräfte ist das kein Randthema, weil ihre Entscheidungen ohnehin sichtbarer sind als die der meisten anderen.
In meiner Arbeit mit dem DNLA-Verfahren sehe ich dieses Muster regelmäßig: Menschen halten an einer Entscheidung fest, weil eine Korrektur wie ein Eingeständnis wirkt, selbst wenn die Entscheidung fachlich längst nicht mehr richtig ist.
Die Energie fließt dann in die Frage, wie die Situation für andere aussieht, statt in die Lösung des eigentlichen Problems.
Bei meiner Namensfrage war das genauso.
Ich habe monatelang abgewogen, welche Variante ich leichter aushalten und leichter argumentieren kann.
Die Frage, welche Variante wirklich zu mir passt, habe ich mir dabei kaum gestellt.
Ein Kunde, der drei Jahre lang das Gleiche vorhatte wie ich
Vor einiger Zeit saß ein ehemaliger Offizier bei mir, den ich nach seinem Ausstieg aus der Bundeswehr begleite.
Er hatte einen neuen Arbeitgeber gefunden, die Probezeit angetreten und war zunächst zufrieden.
Dann kam er zu mir, weil es ihm nicht gut ging.
Wir haben gemeinsam erarbeitet, woran das lag, und er landete an genau dem Punkt, an dem ich selbst einmal stand: „Von diesem Job lasse ich mich jetzt nicht scheiden. Ich mache das noch drei Jahre. Nach neun Monaten sieht eine Kündigung schlecht aus.“
Ich habe ihm gesagt, was ich mir selbst gerne früher gesagt hätte.
Eine Probezeit ist keine Einbahnstraße.
Das Unternehmen bewirbt sich in diesen ersten Monaten genauso bei ihm wie er sich beworben hat.
Was er jetzt über die Stelle herausgefunden hat, ist eine Information, kein Makel.
Und eine Entscheidung, die sich als falsch herausgestellt hat, muss so schnell wie möglich korrigiert werden.
Das weiß er als Führungskraft aus jeder anderen Situation.
Nur bei sich selbst wollte er die Regel plötzlich nicht mehr gelten lassen.
Was passiert, wenn Scham die Entscheidung übernimmt
Unangenehm: Du vermeidest bestimmte Gespräche und weichst Situationen aus, in denen die eine Nachfrage kommen könnte, die du nicht beantworten willst.
Ernster: Du bleibst in einem Job, einer Beziehung oder einem Team, das schon lange nicht mehr zu dir passt, nur damit der Lebenslauf oder die Fassade stimmig bleibt.
Kritisch: Jahre vergehen, in denen du eine Entscheidung vor dir herschiebst, die du längst getroffen hast.
Am Ende steht die verpasste Zeit, und oft zusätzlich Erschöpfung, weil das Aufrechterhalten der Fassade selbst Kraft kostet.
Fragen zum Weiterdenken
- Woran hältst du gerade fest, nur damit es nach außen gut aussieht?
- Wessen Urteil fürchtest du eigentlich, und hast du das je an der Realität überprüft?
- Was würdest du heute anders entscheiden, wenn niemand zusehen würde?
- Wie viel Lebenszeit hat dich das Feststecken in dieser einen Entscheidung schon gekostet?
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FAQ
Schuld bezieht sich auf eine konkrete Handlung: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Scham bezieht sich auf die ganze Person: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Schuld lässt sich korrigieren, Scham fühlt sich an, als müsste man sich selbst verstecken.
Hinter Scham steckt meist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und einem intakten Selbstwert. Solange eine Entscheidung nach außen gut aussieht, bleiben beide ungefährdet. Deshalb hält Scham oft an Entscheidungen fest, die längst nicht mehr passen.
Berufliche Entscheidungen sind öffentlich sichtbar, vor Kolleg:innen, im Lebenslauf, im Team. Die Angst vor der Bewertung durch andere löst im Körper eine echte Stressreaktion aus, auch ohne reale Gefahr.
Indem sie als Hinweis gelesen wird statt als Urteil. Scham zeigt, wo eine Entscheidung nicht mehr zu einem passt. Wird das Muster erkannt, lässt sich die Energie in eine Korrektur stecken statt in das Verstecken der Situation.
Die eigene Frage prüfen: Geht es um die Sache selbst oder darum, wie die Entscheidung nach außen wirkt? Wer diese zwei Ebenen trennt, kann die Scham überwinden und trifft die eigentliche Entscheidung meist deutlich leichter.
Ja. Ungefähr ein Drittel aller Ehen in Deutschland wird geschieden (Statistisches Bundesamt). Die Scham entsteht durch die Vorstellung, mit der Scheidung von einer erwarteten Norm abzuweichen.
Quellen
Tangney, J. P. & Dearing, R. L. (2002): Shame and Guilt. Guilford Press.
Dickerson, S. S. & Kemeny, M. E. (2004): Acute Stressors and Cortisol Responses: A Theoretical Integration and Synthesis of Laboratory Research. Psychological Bulletin, 130(3), 355–391.
Statistisches Bundesamt (Destatis): Eheschließungen und Scheidungen in Deutschland. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Eheschliessungen-Ehescheidungen-Lebenspartnerschaften/_inhalt.html
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Liebe Marion
Vielen Dank für deinen Beitrag zu meiner Blogparade! Ein spannender Aspekt, den du hier aufgreifst: Was Scham mit Entscheidungen macht und warum es wichtig ist, Bewusstsein darüber zu entwickeln, und sich selbst rauszuhelfen (oder sich Unterstützung zu suchen), damit wertvolle Energie und Lebenszeit nicht verpuffen. Wunderbar, wie dein Artikel meine Blogparade im letzten Moment abrundet und mit einer bisher nicht beschriebenen Facette bereichert!
Herzliche Grüsse
Susanne
Liebe Susanne, lieber spät als nie und dann hatte ich auch noch richtig viel Freude beim Schreiben. Danke für dieses tolle Blogparadenthema. Herzlichst, Marion
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