My KISS for you
Wer nach außen stark wirkt, holt sich oft keine Hilfe. Scham und falsches Selbstbild halten dich fest, obwohl dein Körper längst Signale sendet.
Früher oder später wird der Leidensdruck größer als die Angst. Dann siehst du hin und merkst, dass es so nicht weitergeht.
Eine Depression zu überwinden heißt, Hilfe anzunehmen und auszuprobieren, was dir angeboten wird. Auch das, was du zuerst für nutzlos hältst.
Hinweis:
In meinem Blog verwende ich teilweise KI-generierte oder KI-bearbeitete Bilder. Diese sind jeweils gekennzeichnet.
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Ein Mangokern in Sri Lanka
Herbst 2014.
Ich sitze allein an einem Strand in Sri Lanka.
Die Abendsonne geht unter und das Wasser ist im „Ententeich“-Modus.
Meine Freundin sitzt noch am Pool.
Mit ihr bin ich schon ein paar Wochen vorher spontan mit der Fähre nach Oslo gefahren.
Einfach ein verlängertes Wochenende raus, um meinem Albtraumleben zu entfliehen.
Kurz nach meinem Geburtstag hatten wir uns eine Ayurveda-Kur gebucht.
Ich wollte mir einfach mal was Gutes tun und in Ruhe nachdenken.
Kurlaub.
Ich finde etwas im Sand.
Nehme es hoch, drehe es in den Fingern, überlege, was das wohl ist.
Etwas Flaches, Ovales, Abgenutztes. Kein Holz.
Dann dämmert es mir.
Ein abgelutschter Mangokern.
Angeekelt werfe ich ihn schnell weg und frage mich, wie lang der wohl schon hier liegt.
Abgelutscht und ekelig. Irgendwie ist er so, wie sich mein Leben anfühlt.
Irgendwas ist nicht richtig.
Ich war seit 4 Jahren geschieden und hatte keinen Partner.
Bei meiner Arbeit fühlte ich mich wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen.
Und diesen Urlaub konnte ich nicht genießen, weil mir zum ersten Mal auffiel, wie unzufrieden meine Freundin neben mir war.
Oder ich bemerkte es, weil ich in dem Moment seit langer Zeit selbst nichts zu nörgeln hatte.
Immerhin war ich im Paradies mit einem abgelutschten Mangokern vor mir im Sand.
Jetzt sah ich meine Situation und hatte das Gefühl, dass ich mir helfen lassen muss.
Und das kam so:
Wie meine Depression aussah.
Ein paar Wochen vorher hatte ich meine Not-OP am Blinddarm.
Der Arzt sagte zu mir „Ich habe Ihnen gerade den Blinddarm entfernt. Sehen Sie sich Ihr Leben mal genauer an!“
Kurz zuvor hatte ich mich für die Schlafmittel bedankt, weil ich zum ersten Mal seit Monaten durchgeschlafen hatte.
Mein Körper hat sich nach dem Eingriff schnell wieder erholt.
Mein Kopf dagegen war schon lange vorher kaputt und blieb es auch.
Zu dem Zeitpunkt war ich Kompaniechefin bei der Marine.
Frauen auf dieser Ebene gab es in meiner Umgebung keine.
Ich habe Führungskräfte ausgebildet, und Hunderte Soldatinnen und Soldaten durch die Ausbildung gebracht.
2009 war ich schon mal in psychotherapeutischer Behandlung gewesen.
Neun Sitzungen bei einem zivilen Psychologen.
Sollte ja keiner merken.
Danach war auch alles wieder gut.
Dachte ich zumindest.
Damals war mein Privatleben nicht schön.
Trennung und Scheidung.
Ich bin in die Arbeit geflüchtet, weil ich dort wenigstens eine Aufgabe hatte.
Damals an der Marineschule hatte ich richtig Spaß.
Aber die Zeiten waren lange vorbei.
Seit einem Jahr hatte ich den neuen Dienstposten.
Meinen Enddienstgrad und mein Karriereziel hatte ich erreicht, aber das war es auch gewesen.
Die Leute um mich herum haben gesehen, dass irgendwas nicht stimmte.
Ich nahm immer mehr ab, hatte einfach keinen Appetit.
Das konnte man sehen.
Aber niemand hat es mit Depression in Verbindung gebracht.
Ich trug solch eine Wut in mir.
Wenn ich ausgerastet bin, habe ich die Tür zugemacht.
Die Stifte, die durch die Gegend geflogen sind, hat keiner mitbekommen.
Meine zerkratzten Hände jedoch schon.
Eine befreundete Heilpraktikerin hat zwar immer wieder gesagt: „Marion, das ist nicht gesund für dein System. Du musst da raus.“
Und ich dachte: Klar, wenn das so einfach wäre. 12 Jahre sind noch lange nicht vorbei.
Depression hat es niemand genannt.
Hätte ich auch nicht hören wollen.
Depression überwinden? Ich wollte einfach nur schlafen.
Ich bin morgens um halb fünf aufgestanden und eine Stunde zur Arbeit gefahren.
Wenn ich ankam, wusste ich nie, wie der Tag verlaufen würde.
Das war immer eine Überraschung.
Was kontinuierlich war, waren die Gesprächsrunden, in denen ich meist dummgemacht wurde.
Das zog mir meine Energie.
Jeden zweiten Tag habe ich in der Kompanie übernachtet.
Zum einen, weil ich nach einem langen Tag keine Energie mehr hatte, um wieder eine Stunde nach Hause zu fahren.
Zum anderen gab es zu Hause nichts, worauf ich mich gefreut hätte.
Wenn ich den Heimweg auf mich nahm, habe ich mich auf die Couch gelegt und die erste Runde geschlafen, bevor ich dann ins Bett ging.
Für mehr hat es einfach nicht mehr gereicht.
Auf meinen Kurlaub in Sri Lanka hatte ich mich also richtig gefreut.
Ich war überzeugt, ich bekomme mich in der Auszeit selbst wieder hin.
Und wie ich da am Strand saß, kamen die Worte des Arztes wieder in meinen Sinn: „Schauen Sie sich Ihr Leben mal an.“
Das tat ich, und was ich sah, war hässlich.
„Ich möchte eine Kur machen“
Als ich aus Sri Lanka zurückkam, bin ich zur Ärztin gegangen.
„Ich möchte gerne eine Kur machen.“
Kur. So habe ich das genannt.
Weil psychosomatische Klinik inakzeptabel war.
Ich hatte ja schließlich keine Macke…
Alles mitnehmen, später blöd finden.
Am ersten Tag hat mir die Ärztin verschiedene Therapieangebote vorgestellt.
Therapietagebuch, Emotionstherapie, progressive Muskelentspannung und Bewegungstherapie.
Ich hätte am liebsten nur geschlafen.
Als ich mir die ganzen Flyer durchgelesen hatte, dachte ich: Was soll mir das in meiner Situation bringen?
Dann traf ich die Entscheidung und habe mir gesagt:
Ich bin freiwillig hier.
Ich will, dass mein Leben anders wird.
Fachlich habe ich hier nichts zu melden, das ist einfach nicht mein Gebiet.
Also mache ich alles mit und kann es dann später blöd finden.
Das Therapietagebuch, das mir die Ärztin empfohlen hatte?
Habe ich geschrieben.
Es ist in meinem Buch „Das Leben ist BUND“ veröffentlicht, damit andere verstehen, wie sich das anfühlt und wie es in so einer Klinik aussieht.
Vielleicht traut sich dann jemand, diesen Schritt zu gehen.
Mir hat er geholfen.
Chillen auf Kommando?
Wochen später lag ich wieder zu Hause im Bett.
Das Gedankenkarussell drehte wie immer seine Runden.
Ich war total angespannt und konnte nicht einschlafen.
Dann habe ich das Signalwort angewendet, mit dem ich in der progressiven Muskelentspannung immer wieder trainiert hatte.
Dieser Moment war so magisch.
Alle Anspannung fiel ab. Mein Körper hat sich auf Kommando entspannt und ich bin in die Matratze eingesunken.
Ich lag da, hatte ein Grinsen im Gesicht und dachte: Wie geil ist das denn?!
In dem Moment habe ich entschieden, dass ich Entspannungstrainerin werden will.
Weil ich das anderen beibringen wollte.
Die Ausbildung habe ich 2017 auf Amrum im Bildungsurlaub gemacht, danach an der Volkshochschule in Bargteheide unterrichtet.
Progressive Muskelentspannung und autogenes Training mache ich bis heute.
Tag der (letzten) Arbeit.
Am 1. Mai bin ich spät am Abend zum letzten Mal in die Kaserne gefahren.
Ich wusste, dass niemand da ist – abgesehen von den wachhabenden Soldaten.
Habe meinen Spind und mein Büro geräumt.
Das ganze Geraffel nachts ins Auto gepackt und bin nach Hause gefahren.
Ich wollte niemanden sehen, mit niemandem reden, mich nicht erklären.
Gar nichts.
Kurz danach habe ich auch offiziell meinen (Alb-)Traumdienstposten verlassen.
Meine Kompanie habe ich nicht vor Ort übergeben.
Ich konnte es einfach nicht ertragen.
Ansonsten habe ich darum gebeten, bis zum offiziellen Ende meiner Dienstzeit in therapeutischer Behandlung zu bleiben, denn ich hatte verstanden, dass ich mit dem Verlassen der Klinik nicht automatisch wieder gesund war.
Ich wollte zur Nachsorge, weil ich mir selbst nicht getraut habe, das richtig einzuschätzen.
Am meisten hatte ich Angst davor, mir wieder einzureden, dass alles in Ordnung ist.
31. Dezember 2015
Ich war im Schweigekloster „Buddhas Weg“ und es war mein letzter Tag bei der Bundeswehr.
Elfeinhalb Jahre waren vorbei.
Das Ende kam dann doch schneller als gedacht, denn aufgrund meines Jobangebots bei ThyssenKrupp hatte ich die Chance, meine Dienstzeit zu verkürzen.
Das neue Jahr sollte somit zu meinem Neuanfang werden – mit allem, was dazugehörte.
Neue Klamotten und eine neue Frisur gehörten dazu.
Die alten Zöpfe wurden abgeschnitten.
Ich hatte zwei große Ängste.
Die eine: dass die Leute mitbekommen, dass mit mir etwas nicht stimmte.
Die andere: Dass ich im zivilen Leben nicht klarkomme, weil die Bundeswehr eine eigene Welt ist und ich seit Jahren nicht zivil gearbeitet hatte.
Und gleichzeitig war es eine Befreiung.
Und eine riesengroße Chance: Niemand in meinem neuen Unternehmen wusste, wie es in mir drin aussah.
Ich konnte dort Abgrenzung üben, als hätte ich es schon immer gekonnt.
So tun, als wäre ich schon die Marion, die ich sein wollte.
Dass ich dabei teilweise mit Angstausbrüchen am Schreibtisch gesessen habe und nur nach außen total entspannt aussah, ahnte niemand.
Weg von, hin zu
Am Anfang war es ein Weg-von.
Weg vom Schmerz, weg von Menschen in einem System, von denen ich mich kaputt machen ließ.
Wie eine feige Flucht kam es mir vor.
Es musste erst richtig wehtun, damit ich über meinen Schatten gesprungen bin.
Später erkannte ich, dass es mutig war.
Und irgendwann wurde aus meinem Weg-von ein Hin-zu.
Im neuen Unternehmen, mit einem cholerischen Chef, bin ich nicht mehr weggelaufen.
Da bin ich auf die Marion zugelaufen, die ich nach der Therapie sein wollte.
Ich wollte meine Depression überwinden und mental stark sein.
Jeden Tag habe ich trainiert und musste mich in sehr herausfordernden Lebenssituationen beweisen.
Heute begleite ich Führungskräfte bei Selbstführung.
Wenn ich alle Themen, die mir mitgebracht werden, durch meinen eigenen Filter laufen lasse, lande ich immer bei Selbstführung und bei den Ängsten, die uns im Leben begleiten.
Die Angst, nicht gut genug zu sein. Nicht geliebt zu werden. Und manchmal ist es einfach die Angst vor dem Tod.
Es ist immer etwas in mir drin, das ich mir neugierig ansehen kann.
Die tiefe Veränderung passiert, wenn ich an die Wurzel gehe.
Von außen ein bisschen dran rumdoktern bringt nichts.
Dein Wendepunkt
In meiner Blogparade habe ich gefragt: Was hat dich wachgerüttelt? Jetzt kennst du meine Geschichte.
Was ich damals gebraucht hätte?
Ich hatte alles.
Nur habe ich es nicht genutzt.
Mit falscher Scham und Angst stand ich mir selbst im Weg.
Zum Glück wurde mir der Blinddarm entfernt und ich konnte endlich erkennen, wie viel besser mein Leben sein könnte, wenn ich mich entscheide, es zu verändern.
Schreib deinen eigenen Blogartikel über deinen Wendepunkt, verlinke meinen Blogparade-Aufruf und hinterlasse deinen Link in den Kommentaren. Die Blogparade läuft bis Sonntag, 2. August 2026.
Und wenn du beim Schreiben merkst, dass da etwas hochkommt, das du sortieren willst: LUMEA hilft dir dabei.
Deine Marion Glück
FAQ
Depression überwinden bedeutet, sich Hilfe zu holen, die eigenen Muster zu erkennen und Schritt für Schritt wieder handlungsfähig zu werden. Wer eine Depression überwunden hat, hat trotzdem auch mal schlechte Tage. Doch die guten Tage überwiegen.
Der erste Schritt ist oft der schwerste, weil Scham und Angst im Weg stehen. Ein Gespräch mit ehemaligen Betroffenen, der Hausärztin/einem Arzt des Vertrauens oder einer Beratungsstelle kann der Anfang sein. Auch die Begleitung durch eine Vertrauensperson kann Rückhalt geben.
Viele Betroffene haben gelernt, nach außen stabil zu wirken. Oft tragen sie die Maske der Fröhlichkeit und des Humors. Manchmal ist dieser sarkastisch und schwarz. Symptome wie Gewichtsverlust, Reizbarkeit oder Schlafprobleme werden selten mit einer Depression in Verbindung gebracht, weil die Umgebung nur die Fassade sieht.
Impulse von mir. Fü(h)r dich.
Gedanken, Fragen und Perspektiven für Führungskräfte.
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