My KISS for you
- Mein Zweijähriger fällt hin, sagt Aua, lässt pusten und rennt weiter. Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Gefühle verstecke und schnell weitermache. Dasselbe Muster, nur ohne Pflaster.
- Wir stärken die Resilienz unserer Kinder, wenn wir ihnen ihre Gefühle lassen und aufhören, ihnen Sätze wie „Stell dich nicht so an“ weiterzugeben.
- Sag erstmal Aua, wenn es wehtut. Nimm den Schmerz wahr, lass jemanden pusten und dann renn weiter.
Der kleine Bär hat sich diese Woche das Knie aufgeschlagen. Interessant war seine Verarbeitung. Es gab ein kurzes Aua im Aufheulen, einmal von Mama pusten lassen, fröhlich weiterrennen (bis zum nächsten Aufschlag). Seitdem überlege ich, wann wir im Laufe unseres Lebens verlernt haben, einfach mal „Aua“ zu sagen und dann weiterzumachen. Und was macht es wohl mit der Resilienz unserer Kinder, wenn wir ihnen vormachen, wie wir mit emotionalen Schmerzen richtig umgehen?
Hinweis:
In diesem Artikel verwende ich KI-generierte oder KI-bearbeitete Bilder.
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Hallo mein Herz,
diese Woche habe ich morgens den Milchmann geweckt und das erste Wort aus seinem Mund war nicht „Mama” oder „Milli” (für Milch), sondern „Lilli.”
Lilli ist eine seiner Erzieherinnen in der Kita. Und wenn ich mir sein Gesicht angucke, sobald sie morgens in der Kita vor ihm steht, dann isses quasi um ihn geschehen.
Zuhause noch quitschvergnügt und aufgedreht, wird der kleine Bär richtig schüchtern. Er guckt weg. Guckt wieder hin. Blinzelt sie mit Riesenaugen an und lässt die Wimpern klimpern. Als hätte jemand die Sonne eingeschaltet.
Am Wochenende fragt er auch nach ihr.
„Lilli?“ Und ich sage: „Lilli ist am Montag wieder da.”
Und dann ist gut.
Naja, fast.
Wenn die große Liebe geht, bevor man es versteht
Vor ein paar Wochen hat uns die Kita informiert, dass Lilli im Juni geht.
Seitdem rattert mein Kopf wie ein D-Zug, der ohne Bremse unterwegs ist.
Noah weiß es mittlerweile auch, weil ich ihn langsam darauf vorbereite.
Wie erklärt man einem Zweijährigen, dass jemand, den er jeden Morgen sucht, einfach nicht mehr da ist? Wie begleitet man den ersten echten Abschied von einer Bezugsperson außerhalb der Familie?
Ich hab Lilli gefragt, wie sie das handhaben und was wir tun können.
Die Antwort fand ich überraschend klug: Lilli wird sich quasi ausschleichen. Langsam mehr Abstand nehmen, weniger präsent sein, damit die anderen Erzieherinnen die Lücke füllen.
Bei mir kam sofort die Assoziation zu einem lebenswichtigen Medikament, das man schrittweise reduziert, weil der Körper die Zeit braucht, um sich umzustellen. Oder in dem Fall: das kleine Herz.
Und dann war da noch was.
Ich hab mich schon vor Wochen dabei ertappt, wie eine Stimme in meinem Kopf loslegte.
Meine innere Buchhalterin, die mit Lesebrille auf der Nase und Rotstift in der Hand ihre Strichliste über die Likes führt. Einen für Mama, einen für Lilli. Sie hat angefangen mitzurechnen. Wer bekommt mehr „Aua“-Momente? Wer wird morgens zuerst gerufen? Wer fehlt mehr oder wird mehr gebraucht?
Mäh!
Ja, ich habe eine gewisse Form von Eifersucht und Neid entdeckt.
Auf eine geniale Erzieherin in der Kita, weil mein Sohn morgens zuerst nach ihr fragt und dann erst nach mir.
Während ich reflektierte, dass Neid mir mitteilt, dass ich mir mehr „gesehen und gebraucht werden“ von meinem Kind wünsche und die Eifersucht mir meine Angst, nicht genug zu sein, spiegelt, setzte direkt danach das schlechte Gewissen ein. Getriggert durch das Gefühl, dass ich mehr Zeit mit ihm verbringen müsste.
Dabei bringe ich ihn in die Kita, damit er mit Kindern die Interaktion lernt.
Gleichzeitig kann ich mich um mein Business kümmern.
Dann erinnerte ich mich dran, dass ich genau dieses Dilemma schon einmal durchgespielt hatte.
Nämlich als es darum ging, ob er überhaupt in die Kita geht und wenn ja, ab wann.
Jedenfalls fiel mir wieder ein, dass es früher die Großfamilie und die Nachbarinnen gab, die sich die Kinderbetreuung quasi geteilt haben.
Damit jede mal ihre Sachen erledigen konnte.
Gleichzeitig spielten die Kinder untereinander und lernten, ihre Probleme zu lösen, und entwickelten eine gewisse Konfliktfähigkeit.
Heute heißt das eben Kita.
Anderes Wort, gleiche Funktion.
Mein erster Reflex bei Eifersucht und Neid war früher übrigens das Wegschieben.
Schnell drüber hinweggehen.
Hat ja keiner gesehen, weil es in mir drin ist, und außerdem wollte ich mich so nicht fühlen.
Warum sagen wir „Steh auf, hat keiner gesehen“, statt einfach mal „Aua”?
Am Donnerstag ist der kleine Bär auf der Terrasse gestürzt und hat sich das Knie aufgeschlagen.
„Aua!” hat er weinerlich gerufen. Wir haben gefragt, ob wir pusten sollen. Er kam angerannt, wir haben gepustet, und drei Sekunden später ist er weitergelaufen.
Da war also dieser Schmerz. Er hat ihn gespürt und ausgesprochen. Er hat sich Hilfe geholt, hat geweint, wurde getröstet und hat es verarbeitet. Erst dann ging es für ihn weiter.
Von uns gab es kein „Stell dich nicht so an“ und auch kein „Ist doch nichts passiert“.
Und auch kein „Bis du heiratest, ist alles wieder gut.“
Auch kein „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“
Ach, es gibt so herrlich viele Sätze, die ich höre und mir selbst als Kind anhören musste.
Getröstet hat mich das übrigens nicht. Es hat dazu geführt, dass ich dachte, dass meine Fehler und meinen Schmerz niemand sehen bzw. ich sie nicht zeigen darf.
Momentan ist der Babyboss in der Phase, wo er schneller rennt, als es seine Beine erlauben.
Kopfsteinpflaster wird zum Endgegner, jede Bordsteinkante zur Stolperfalle.
Und jedes Mal „Aua.“ Immer wieder wird er mit seinen Emotionen von uns aufgefangen und getröstet. Manchmal mit Pflaster, manchmal reicht ein Küsschen und Pusten.
Und nach jedem Mal rennt er alleine wieder los.
Im wahrsten Sinne des Wortes: Laufen lernen.
Ich hab mich das schon beim Kita-Start gefragt: Was macht ihn stark?
Ich glaube, wir stärken die Resilienz unserer Kinder, wenn wir ihnen ihre Gefühle lassen. Auch die, die wehtun.
Da ist kein „Ich probier‘ das nie wieder.“ Da ist kein Schamgefühl.
Es gibt nur das unausgesprochene „Okay, das hat weh getan.“
Aufstehen, durchfühlen, nochmal versuchen, denn heiter geht es weiter auf der Lebensleiter.
Und dann frage ich mich: Wann hört das auf? Kann ich verhindern, dass es aufhört?
Das aus dem „Aua, kannst du pusten?“ ein hastiges „Ich steh‘ schnell auf, hat keiner gesehen“ wird?
Irgendwann fing ja auch ich an, meine Stolperer zu verstecken, weil es sich offenbar „so gehört“. Weil Hinfallen peinlich ist und weil ich alte Heulsuse mich endlich mal zusammenreißen sollte.
Und wenn das so ist, und es vielen so geht, dann fangen wir an, die Lektion gleich mitzuverstecken.
Weil wir so beschäftigt sind mit Aufstehen und Bloß-nicht-zeigen, dass die Erkenntnis quasi im Rennen überrannt wird.
Die eigentliche Lektion des Lebens, die „Lessons learnt“, entfällt.
Wir sehen sie nicht, sammeln sie nicht auf, weil wir beschäftigt sind, schnell weiterzuhetzen.
Zweimal dasselbe Muster.
Ich hab’ diese Woche zweimal dasselbe gesehen.
Noah auf der Terrasse. Knie blutet. „Aua.“ Pusten lassen. Weiterrennen.
Ich auf dem Sofa. Eifersucht und Neid brennen im Innen. Aua? Nee. Schnell weg damit. Weitermachen.
Zumindest fast. Früher wäre es so gewesen.
Der Unterschied? Der kleine Bär hat sein „Aua“ ausgesprochen. Ich wollte meins verstecken.
Dabei war mein „Aua“ genauso echt und schmerzhaft. Nur ohne offene Wunde.
Die Erzieherin wird morgens vom eigenen Kind noch vor „Mama“ gerufen.
Mama bleibt im Wartezimmer der Liebe und Anerkennung erstmal sitzen.
Das tut einen Moment lang weh.
Es ist ein Gefühl und Gefühle brauchen Pflaster, die ich mir selbst aufkleben darf.
Vielleicht ist das, was Zweijährige können und wir Erwachsenen irgendwann verlernt haben, eine ganz einfache Lektion.
Es ist ein „Aua“-Sagen, wenn es wehtut.
Das richtige Pflaster der (Selbst-)Liebe finden, durchfühlen, heilen und erst dann weiterrennen.
Wie begleite ich mein Kind beim ersten Abschied von einer Bezugsperson?
Gerade für Mütter in Führungspositionen, die es gewohnt sind, schnelle Lösungen zu liefern, ist das vielleicht die schwerste Übung: Es gibt hier nichts zu lösen.
Ich weiß noch nicht, wie der kleine Bär reagieren wird, wenn Lilli tatsächlich weg ist.
Ich weiß nur, wie ich ihn begleiten will: so, wie ich es mit der Kniewunde mache, finden wir das passende Pflaster für sein Herz.
Ich will hinsehen, ihn fühlen lassen und da sein.
Gemeinsam schauen wir dann, was er braucht.
Wenn ich die Resilienz meines Kindes stärken will, muss ich seinen Schmerz aushalten, ohne ihm zu sagen, dass er sich so nicht fühlen soll oder darf.
Er ist mit all seinen Gefühlen genau richtig.
Genau das hat mir als Kind gefehlt.
Bei Gefühlen braucht es übrigens manchmal öfter den Pflasterwechsel als bei einem aufgeschlagenen Knie.
Dann reden wir öfter über Lilli. Ich bin damit fein.
Sie ist eine ganz tolle Frau und ich finde es selbst schade, dass sie geht.
Ich werde dir in den nächsten Wochen erzählen, wie es läuft. Wie der kleine Bär seinen ersten echten Abschied hinbekommt. Und was ich dabei wieder über meine eigene Art, mit Verlusten umzugehen, reflektiere.
Stay tuned.
Vielleicht sitzt du gerade auch an einem Punkt, an dem du Abschied nehmen musst, willst und darfst.
Eine Kollegin, die das Team verlässt.
Eine Routine, die du anpassen musst, weil sich etwas in deinem Leben verändert.
Vielleicht bröckelt auch gerade deine (Selbst-)Sicherheit.
Und möglicherweise ist dein erster Reflex, schnell aufzustehen und weiterrennen, bevor jemand deinen Trennungsschmerz sieht.
Dann nimm dir das hier mit: Sag erstmal „Aua“ und nimm den Schmerz und andere Gefühle wahr.
Nimm sie an und der Rest kommt von allein.
Was sonst noch los war
Apropos Aua: Diese Woche war tatsächlich eher das Gegenteil.
Im Vergleich zu den vergangenen Wochen war sie relativ schmerzfrei und richtig entspannt.
Mein Kalender war aufgeräumt und mein Kopf hat es ihm nachgemacht.
Ich war bei einem Podcast-Interview und hab die LORELEY-Planung in den Endzügen fertig.
Hier siehst du das Ergebnis.
Mein Highlight war das Treffen mit der Tatortreinigerin.
Ja, richtig gelesen.
Vielleicht erinnerst du dich an die Frau, die mir vor ein paar Wochen über E-Bay Kleinanzeigen den Staubsauger abgekauft hat.
Sie entpuppt sich als erfrischend aufgeräumt und kommunikativ.
Wir haben viel gelacht und intensive Themen in der Tiefe besprochen.
Genau meine Kragenweite. Ich hab danach sogar eine Kurzgeschichte geschrieben.
Außerdem habe ich mich intensiv um meine Selbstfürsorge gekümmert und mir eine Fußpflege gegönnt.
Hab auch direkt den nächsten Termin gemacht.
Ich liebe es, meinen Kalender so aufgeräumt zu haben.
Mehr Zeit für Sachen, die sich lohnen und mehr qualitative Zeit für mich.
Am Samstag hatten wir Besuch von einem befreundeten Pärchen.
Die beiden haben uns eine Wichteltür geschenkt.
Ein wirklich durchdachtes Geschenk.
Am Sonntag saß ich also auf der Terrasse und habe die Tür in bunten Farben bemalt.
Die wird jetzt noch angebracht.
Dann kann ich mit dem Milchmann neue Mitbewohner:innen einziehen lassen, denn es ist eine Tür ins Land der Wichtel und Elfen.
Ich bin gespannt, welche Geschichten uns einfallen.
Ansonsten war das lange Pfingstwochenende.
Das hieß bei uns Garten, Spielplatz, „Wasser an“.
„Wasser an“, das sagt mein kleiner Unterwasserarchäologe, wenn er den Rasensprenger sieht.
Er hat sehr intensiv mit Wasser rumgemorkelt. Alles war nass und nicht alle waren happy.
Hab eine wunderbare Woche, mein Herz.
Und wenn du hinfällst, sag „Aua.“
Lass jemanden pusten oder nimm dich selbst liebevoll in den Arm und dann renn heiter weiter.
Deine Marion Glück
P.S. Falls sich jemand fragt, warum der Milchmann morgens nicht zuerst nach mir ruft. Dafür habe ich eine einfache Erklärung: Ich mache kein so gutes Frühstück wie Lilli.
Du willst dranbleiben?
LUMEA ist die Marion für die Handtasche. Deine DSGVO-konforme digitale Reflexionsbegleiterin, rund um die Uhr.
FAQ
Indem du seine Gefühle zulässt. Kinder lernen Resilienz, wenn sie hinfallen dürfen, jemand sie auffängt und ihnen niemand sagt, dass sie sich zusammenreißen sollen. Gleichzeitig ist es wichtig deinem Kind die passenden Bewältigungsstrategien zu vermitteln.
Spätestens wenn wir den Satz „Steh schnell auf, hat keiner gesehen“ verinnerlichen. Ab da wird Hinfallen zu etwas Peinlichem und wir überspringen die Lektion, die im Stolpern steckt.
Indem du da bist, beobachtest und den Schmerz nicht kleinredest. Kinder brauchen die Erlaubnis, traurig zu sein, und die Erfahrung, dass jemand da ist oder kommt, um die Lücke zu schließen.
„Stell dich nicht so an“, „Ist doch nichts passiert”, „Bis du heiratest, ist alles wieder gut“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ und „Steh auf, hat keiner gesehen.“ Diese Sätze lehren Kinder, ihre Gefühle zu verstecken oder dass es Ewigkeiten dauert, bis sie sich ändern. Sie lernen, dass Schmerz peinlich ist und keinen Platz haben darf.
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